26.08.2025 | Das fragen sich viele Kolleginnen und Kollegen. Wir helfen Euch, Warnzeichen früh zu erkennen und im Ernstfall Eure berechtigten Interessen zu vertreten. Im Nachgang an unser Tagesseminar „Krise und Insolvenz“ diesen Sommer fassen wir wichtige Ergebnisse zusammen und sprechen über aktuelle Aspekte.
Zu Wort kommen Franziska Wolf als 2. Bevollmächtigte der IG Metall Jena-Saalfeld und Gera sowie Mitinitiatorin des Offenen Briefes „Die nächste Deindustrialisierung in Thüringen verhindern – Mut zur Brücke!“ an die Landespolitik, Tom Knedlhanz als Gewerkschaftssekretär mit Zuständigkeit u.a. für den Kampf gegen die Schließung bei Neumayer Tekfor, sowie Holger Gerhard als diplomierter Volkswirt und Sozialökonom, Ex-Unternehmer sowie bundesweit tätiger Betriebsräteberater. Das Gespräch führte Horst Martin.
In Thüringen droht eine Deindustrialisierung. Erinnerungen an den Kahlschlag der 1990er Jahre werden wach. Die IG Metall hat als erste - und bislang einzige gesellschaftliche Kraft – lautstark Alarm geschlagen. Was kann eine Gewerkschaft bewirken?
Wolf: Wer nicht kämpft, hat schon verloren – und wir haben durchaus unsere Mittel und Wege. Grundsätzlich: Unsere Wirtschaftsordnung sieht das Element der Mitbestimmung vor. Es ist also unsere gewerkschaftliche Pflicht, uns so früh wie möglich einzumischen, wenn irgendwo etwas schiefläuft. Je früher eine Krise erkannt und bearbeitet wird, umso höher die Erfolgschancen. Das gilt für ganz Thüringen, das gilt für viele Betriebe.
Knedlhanz: Natürlich gibt es Branchen, die gerade unter Druck stehen. Ob der einzelne Betrieb aber in die Knie geht oder sich gerade deshalb zukunftsfähiger aufstellt - das entscheidet sich oft vor Ort! Wenn allerdings das Management schläft oder schwach ist, braucht es ein Korrektiv. Und das müssen wir sein: Aktive, Belegschaft und Gewerkschaft!
Aber wie? Worauf können sich Menschen berufen, die um die Zukunft ihres Arbeitsplatzes besorgt sind?
Holger Gerhard. Sich Sorgen zu machen, das ist okay. Jeder kann selbst initiativ werden. Das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) gibt der Belegschaft – über den Betriebsrat – verschiedene Mittel an die Hand, um Einfluss zu nehmen. Wer sich so engagiert, hat das Recht im Rücken. Über den Betriebsrat oder den Wirtschaftsausschuss lässt sich einiges bewirken. Die erste Frage ist jedoch: Wann und wie wird eine Krise erkannt?
Worauf kommt es an?
Holger Gerhard. Es gibt unterschiedliche Krisenphasen. Am Anfang stimmt vielleicht die Strategie nicht, später hinkt die Rentabilität. Wenn irgendwann der Ertrag einbricht, wird es kritisch. Leider passiert oft erst etwas, wenn es bereits akut bei der Liquidität brennt. Dann droht die Insolvenz! Deshalb sage ich: Schon bei der Strategie müssen wir hinschauen - und unsere Fragen stellen.
Also die Zahlen einholen. Wie geht das?
Gerhard: Durch konkrete Anfragen über den Wirtschaftsausschuss oder den Betriebsrat. Man muss das Management dazu bringen, offen und nachvollziehbar mit den Beschäftigten zu kommunizieren. Je beharrlicher und genauer man fragt, umso gehaltvoller werden die Antworten. Ein Nebeneffekt: Es zwingt das Management, Entscheidungen von oben nicht nur unkritisch umzusetzen, sondern auch zu hinterfragen.
Knedlhanz: Genau darauf kommt es an. Wir sehen oft gerade beim Management vor Ort, dass zu wenig über den Tellerrand hinaus oder nach vorne geschaut wird. Wenn das Kind in den Brunnen fällt, tauchen die aber gerne ab. Wir erleben leider, dass ausgerechnet dann überhaupt erst angefangen wird, mit uns vernünftig zu reden, wenn wir schon vor dem Werktor stehen und laut werden.
Gerade haben die Beschäftigten von Neumayer Tekfor eine Rekordsumme für den Sozialplan mit 23,7 Millionen bei 280 Beschäftigten erstritten. Was sind die Lehren aus dem Beispiel, das leider mit einer Werksschließung endet?
Knedlhanz: Es gibt zwei Lehren, die unserer Herangehensweise bestätigen. Erstens: So früh handeln wie möglich! Wir haben sofort bei den ersten Gerüchten über eine Schließung mobilisiert und harte Kante gezeigt. Unser massiver Protest mitsamt Warnstreik hat schließlich den Mutterkonzern an den Tisch gezwungen – leider jedoch zu spät, um eine Zukunftsperspektive für das Werk zu entwickeln. In einem früheren Krisenstadium hätte der Konzern das Geld sehr gut einsetzen können, um in die Zukunft zu investieren. Traurig ist das!
Zweitens zeigt sich: Kämpfen lohnt sich immer – auch wenn das Maximalziel nicht erreicht wird. Über den Sozialplan bekommen die Beschäftigten eine bessere Perspektive. Und alle kurzsichtigen Konzerne können es jetzt in der Zeitung nachlesen: Platt- und Dichtmachen kann richtig teuer werden!
Der „Offene Brief“ an die Landespolitik fasst mehr als 20 Unternehmen aus Thüringen zusammen. Muss überall die Angst umgehen?
Wolf: Brandschutz heißt nicht, dass es überall brennt. Sich mit Krisenszenarien vorher auseinanderzusetzen, hilft auch im Normalbetrieb. Wenn es einmal brennt, darf nicht erst das Denken einsetzen. Gerade weil – besonders auf den „verlängerten Werkbänken“ mancher Zulieferer – das Management nicht primär an die Beschäftigten, ihre Familien oder die Region denkt, müssen wir dafür einstehen. Das macht die Stärke der IG Metall, unserer Aktiven und Mitglieder aus!
Für die Beschäftigten ist es aber nicht einfach, zusätzlich zu ihrem Job auch noch die Zukunft und die Rentabilität ihres Unternehmens immer im Auge zu haben.
Wolf: Das wissen wir natürlich, sie sind dabei auch nicht allein. Wir haben nicht umsonst bereits ein Tagesseminar mit mehr als 30 Vertreterinnen und Vertretern aus Betrieben hinter uns. Dieses Thema werden wir noch weiter vertiefen. Bei unseren Bildungsangeboten werden aber keine Wirtschaftsprüfer oder Berater ausgebildet, sondern Handlungswege für konkrete Situationen aufgezeigt. Wir als Gewerkschaft helfen und wissen, wie sich weitere Hilfe organisieren lässt.
Gerhard: Genau das ist der Punkt: Wirtschaftsausschuss und Betriebsrat können sich sachkundige und unabhängige Unterstützung holen. Das reicht von der Gewerkschaft bis zu einem externen Experten, der die Zahlen des Unternehmens für die Belegschaft interpretiert. Die Kosten trägt das Unternehmen.
Muss jemand, der aktiv wird, irgendwelche Konsequenzen für sein Unbequemsein fürchten?
Gerhard: Wenn es in den dafür vorgesehen Formen wie Betriebsrat bzw. BR- Wirtschaftsausschuss erfolgt, herrscht gerichtsfeste und praxiserprobte Rechtssicherheit.
An wen wendet sich also konkret jemand, der sich informieren will oder Probleme kommen sieht?
Wolf: Grundsätzlich an eine Person seines Vertrauens, die das auf den richtigen Weg bringt. Idealerweise sind das die Vertrauensleute der IG Metall, die im Betriebsrat sitzen und einen Wirtschaftsausschuss bilden können. Natürlich sind die Gewerkschaftssekretäre im Betrieb immer eingebunden. Und wenn es notwendig ist, hat man die IG Metall als unabhängige und schlagkräftige Gesamtorganisation im Rücken. Der erste Schritt ist: Meldet Euch bei uns!